Verdaulichkeit bei Riesenschildkröten

Im Laufe der Geschichte sind bei der Fütterung pflanzenfressender Schildkröten oftmals Fehler gemacht worden, weil wissenschaftliche Grundlagen über deren Verdauungsphysiologie und Nahrungsbedarf nur rudimentär vorhanden waren. Diese Fehlernährung führt häufig zu Erkrankungen des Skeletts und des Harnsäurestoffwechsels. Viele bedrohte Landschildkrötenarten – unter anderem auch die Galápagos-Riesenschildkröte – sind heute in Artenschutzprogrammen aufgenommen, und es gilt nun, durch neue Erkenntisse über deren Physiologie und Bedürfnisse effektive Strategien zu entwickeln, die diese Tiere vor dem Aussterben bewahren und es ermöglichen, die Bestände wieder aufzubauen. Ziel der vorliegenden Arbeit im Rahmen einer Dissertation war es somit, neue Grundlagen über die Verdauung und Nahrungspräferenzen der Galápagos-Riesenschildkröten zu gewinnen und dadurch einen Beitrag zu deren erfolgreichen Haltung und Zucht zu leisten. Die Untersuchungen wurden mit dem Riesenschildkrötenbestand des Zoologischen Gartens Zürich durchgeführt und kam unter anderem durch die grosszügige Spende des Vereins „Freunde der Galapagos Inseln, Schweiz" zustande. An dieser Stelle sei herzlich dafür gedankt.
Die Untersuchungen wurden mit Hilfe sogenannter Futtermarker durchgeführt. Dabei handelt es sich um Substanzen, die von den Tieren aufgenommen werden, deren Magendarmtrakt passieren, ohne verdaut oder anderweitig verändert zu werden, und schliesslich im Kot nachgewiesen werden können. Für diese Studie wurde eine relativ neue Markerart, sogenannte Alkane, eingesetzt. Dies sind Kohlenwasserstoffe, die natürlicherweise in der Wachsschicht vieler Pflanzen vorkommen. Sie besitzen den Vorteil, dass sie im normalen Futter der Tiere enthalten sind, diese somit in keiner Weise beeinträchtigen und zudem noch leicht in Futter und Kot nachzuweisen sind. In Verdauungsstudien mit Fischen, Vögeln und Säugern sind Alkane bereits mit Erfolg eingesetzt worden; bei Reptilien war dies das erste Mal.
In einer ersten Studie wurde festgestellt, wie lange die Passage des Futters durch den Verdauungstrakt von juvenilen und adulten Galápagos-Riesenschildkröten dauert. Dazu wurden acht Tieren die Futtermarker in einer einmaligen Dosis verabreicht und der Kot während eines Monats täglich gesammelt. Mit Hilfe der Alkane konnte die mittlere Retentionszeit, d.h. diejenige Zeitspanne, die der Futterbrei durchschnittlich im Magendarmtrakt der Schildkröten verweilt, berechnet werden. Diese Retentionszeit dauert bei Reptilien allgemein viel länger – nämlich bis zu mehreren Tagen – als bei warmblütigen Tieren, bei denen die Futterpassage nur ein paar Stunden dauert. Das als Marker ver-wendete Alkan C36 hat sich bei dieser Untersuchung bestens bewährt. Bei den juvenilen Riesenschildkröten betrug die mittlere Retentionszeit 9 Tage, bei den adulten sogar fast 12 Tage, wahrscheinlich deshalb, weil die erwachsenen Tiere gröbere Futterbissen aufgenommen hatten, die die Passage im Darm verlangsamten. Die Flüssigkeit wurde jedoch interessanterweise bei beiden Altersklassen gleich lange, nämlich 9 Tage retiniert – trotz des siebzehnfachen Gewichtsunterschieds zwischen den beiden Gruppen. Ein signifikanter Unterschied in der Retention in Abhängigkeit von Körpergrösse und Gewicht scheint es also bei Galápagos-Riesenschildkröten nicht zu geben.

In einer zweiten Verdauungsstudie wurde neun Riesenschildkröten einen Monat lang täglich dieselbe Futtermischung aus Heu, Äpfeln und Alkan-markierten Schildkröten-Pellets verfüttert, um in deren Verdauungstrakt ein Gleichgewicht an Nahrungskomponenten zu erhalten. Daraufhin konnte mit Hilfe der Alkanmethode die Zusammensetzung des individuell aufgenommenen Futters, bzw. die Anteile der einzelnen Komponenten, die von jedem Tier gefressen worden waren, eruiert werden. Auch hier erwies sich der Einsatz von Alkanen als voller Erfolg: die Resultate, die anhand der Alkangehalte in Futter- und Kotproben berechnet worden waren, deckten sich weitgehend mit den beobachteten Werten. Auch konnte festgestellt werden, dass die juvenilen Riesenschildkröten der Gruppe 2, die zusammen mit den adulten Tieren gefüttert worden waren, mehr von den schmackhaften Apfelstückchen selektiv aufnehmen konnten als die adulten Riesenschildkröten. Damit zeigte sich das Potential dieser Marker für zukünftige Studien mit Galápagos-Riesenschildkröten in freier Wildbahn: mit ihrer Hilfe können z.B. anhand von Kotproben qualitative und quantitative Analysen des aufgenommenen Futters durchgeführt und so auf allfällige Nahrungspräferenzen oder saisonale Unterschiede im Verzehr der Tiere geschlossen werden. Geeignet für eine solche Studie wären z.B. Opuntia-Kakteen, welche eines der Hauptnahrungsmittel der Riesenschildkröten auf Galápagos sind, da diese einen hohen Gehalt an Alkanen enthalten.

Ferner wurde untersucht, wie gut die Riesenschildkröten ihr Futter bzw. einzelne Rohnährstoffe verdauen können. Dabei zeigte es sich, dass die Galápagos-Riesenschildkröten sehr gut an die karge Nahrung ihrer Heimat adaptiert sind, da sie faserreiche Pflanzen gut verdauen können.
Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen deutlich, dass Alkane als Futtermarker bei Reptilien ein grosses Potential besitzen, um verschiedene verdauungsphysiologische Aspekte zu studieren und dadurch viel Wissenswertes über diese Tiere und ihre Bedürfnisse zu sammeln.