Tankerunglück "Jessica"

Jessica - Chronologie einer 'Beinahe’-Katastrophe

Menschliches Versagen verursachte das Tankerunglück 'Jessica’

Am Dienstag, 16. Januar 2001, lief der mit 900'000 Liter Öl beladene Tanker 'Jessica’ vor der Küste von Baquerizo Moreno auf San Cristobal in Galápagos auf Grund. Alle Versuche des Schiff abzuschleppen, schlugen fehl; es sass zwischen den Unterwasserriffen fest und nur ein dünner Stahlmantel schützte die klaren Gewässer des zweitgrössten Meeresreservates der Erde vor dem Schwer- und Dieselöl im Schiffsrumpf. Zwei Tage später hatten Wind und Wellen die ersten Lecks in den Tanker gerissen, erste Ölflecken wurden an der Meeresoberfläche gesichtet.

Die 'Jessica’ war unterwegs nach Baltra, einer Insel im Galápagos Archipel, als der Tanker aufgrund eines Navigationsfehlers rund 800 Meter vor der Küste von San Cristobal auflief. Sofort wurden Ölsperren rund um das Schiff errichtet und mit dem Abpumpen des Öls begonnnen. Trotz dieser Massnahmen gelangte ein Grossteil des Öls in die Küstengewässer, Meeresströmungen und Winde trieben den Ölteppich vorerst in nordwestliche Richtung ins Zentrum des Archipels.


Der Kampf gegen die drohende Ölkatastrophe

Um die drohende Ölkatastrophe abzuwenden, hat Ecuador die USA um die Entsendung von Spezialisten gebeten. Am Sonntagnachmittag, dem 21. Januar 2001, sind Mitglieder der US-Küstenwache sowie deren Spezialausrüstung auf Galápagos eingetroffen. Damit konnte mit dem Absaugen des im Tanker verbliebenen Öls begonnen werden. Erschwert wurde die Aktion durch die Tatsache, dass im fragilen Ökosystem des Archipels keine der in solchen Fällen üblichen Chemikalien zur Bindung des bereits ausgelaufenen Öls eingesetzt werden konnten.

Die Nationalparkbehörden und die Mitarbeiter der Charles Darwin Forschungsstation haben - unterstützt durch zahlreiche freiwillige Helfer - unmittelbar mit dem Aufbau von temporären Rettungszentren begonnen, in welchen ölverschmierte Galápagos-Seelöwen und Seevögel aufgenommen und gesäubert wurden. Zahlreiche Helfer – lokale Fischer, Vertreter aus dem Tourismusbereich und weitere Freiwillige - säuberten betroffene Küstenabschnitte und versuchten mittels Barrieren, das Öl am Eindringen in die Buchten zu hindern.

Erste Bilanzen zeigen: Galápagos hatte Glück im Umglück

Rund 800 000 Liter Diesel- und Schweröl sind ausgelaufen. Dank günstiger Umweltbedingungen verlief der Unfall weniger katastrophal als befürchtet: Winde und Meeresströmungen haben Teile des Schweröls aufs offene Meer getrieben, starke Sonneneinstrahlung hat das auf der Oberfläche treibende Dieselöl zum grössten Teil verdunsten lassen. Bedrohte Tierarten wie die Lavamöven oder Galápagos-Pinguine wurden durch das Unglück kaum betroffen. Trotzdem: Die Langzeitschäden an der einmaligen Flora und Fauna des Galápagos-Naturreservats sind nach wie vor unabsehbar.

Fünf von 13 der grösseren Galápagos-Inseln haben Öl verschmierte Küstenbereiche: Neben San Cristobal, Santa Fe und Santa Cruz sind auch die ca. 100 Kilometer vom Unfallort entfernten Inseln Floreana und Isabela betroffen. Wurden anfangs vor allem ölverschmierte Meeresvögel wie Pelikane und Blaufusstölpel sowie Galápagos-Seelöwen gefunden, zeigte sich später, dass auch die Meeresechsen vom Öl betroffen wurden: Waren kurz nach dem Tankerunfall 40 % aller beobachteten Tiere verschmutzt, stieg die Rate der ölverschmierten Echsen eine Woche nach dem Unfall auf 70%. Neben den Galápagos-Riesenschildkröten gelten die Meeresechsen als eigentliches 'Markenzeichen' des Archipels. Die Tiere ernähren sich ausschliesslich von Meeresalgen; verschmutzte Gewässer können fatale Folgen für ihr Überleben haben.


Gibt es Langzeitfolgen?

Vom Tankerunfall betroffen wurden auch Fische und Wirbellose wie Seeigel und Seesterne. Das Fehlen dieser Organismen, die wesentlicher Bestandteil der Nahrungskette von Meeresvögeln, Seelöwen, Seebären und anderen Galápagosbewohnern sind, hätte schlimme Folgen für deren Überleben. Mitarbeiter der Charles Darwin Forschungsstation und des Nationalparks listen die ersten Schäden auf, um die notwendigen Massnahmen einzuleiten. Gemäss Dr. Robert Bensted-Smith, Direktor der Forschungsstation, werden sich die Arbeiten über zwei bis drei Jahre erstrecken. Die Kosten beziffert er auf ca. 2,3 Mio. US Dollar.

Ausblick

Das Galápagos Archipel ist bei dieser ‘Beinahe-Katastrophe’ noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Nun gilt es die Lehren daraus zu ziehen. Die Inseln liegen nahe an der Hauptschifffahrtsroute zwischen den Westküsten von Zentral- und Südamerika. Um nicht wieder mit einem Tankerunglück konfrontiert zu werden, sind unbedingt Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen. Dazu gehören die Stationierung von Notfallmaterialen auf den Inseln ebenso wie eine genaue Regulierung der Schifffahrten im und um das Reservat. Daneben ist wichtig, dass die Vorschriften, die im Rahmen der Proklamation des Galápagos Meeresreservates im Jahre 1998 erlassen wurden, nicht nur auf dem Papier stehen, sondern durchgesetzt werden.

Der Galápagos Nationalpark und die Charles Darwin Forschungsstation setzen sich in Galápagos für diese Aufgabe ein. Die Internationale Charles Darwin Stiftung, zu der auch der Verein Freunde der Galápagos Inseln (Schweiz) gehört, setzt sich weltweit dafür ein.